"Jetzt seid ihr alle Zeitzeugen“

Hitlerjunge Salomon spricht an der Gaesdonck – eine besondere Geschichtsstunde für die Oberstufe und die neunten Klassen

Am Montag, dem 30. Juni, stand in der letzten Woche vor den Ferien noch einmal ein besonderes Highlight für die Schülerinnen und Schüler des CAG auf dem Stundenplan. Im Rahmen der verstärkten Bemühungen der Gaesdonck, Geschichte durch Zeitzeugen lebendig zu machen, kam im Januar bereits Frau Eva Weyl, um mit den neunten Klassen über ihre Kindheit im Judendurchgangslager Westerbork sprechen. Da dieses Ereignis bei den Schülern bereits auf große Resonanz traf, bemühte sich die Fachschaft Geschichte direkt um eine Möglichkeit, auch den Schülern der Oberstufe eine solche Begegnung zu ermöglichen. Diesmal konnte Sally Perel als Gast gewonnen werden, der als jüdischer Jugendlicher in der Hitlerjugend, quasi als Schaf im Wolfspelz, die Zeit des Nationalsozialismus überlebte.
 
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Die Schüler strömten dementsprechend erwartungsvoll in die Klosterkirche des CAG, um der Erzählung Sally Perels zu lauschen. Während des Vortrags war die Spannung förmlich mit den Händen zu Greifen. Neben einem flammenden Appell gegen wiederaufkommendes nationalsozialistisches Gedankengut bei Jugendlichen berichtete er einzelne Episoden aus seiner Jugend und wie auch heute noch zwei Seelen in seiner Brust kämpfen. Der Hitlerjunge „Jupp“ – wie Perel im HJ-Internat in Braunschweig genannt wurde – und Salomon, der Sohn einer strenggläubigen Rabbinerfamilie, führten bisweilen heute noch Streitgespräche in seinem Inneren.
Im Anschluss nutzten die Schüler dann die Gelegenheit, ihre Fragen an Herrn Perel zu richten. Dabei interessierten sie sich besonders für das Schicksal seiner Familie, seine Gefühle gegenüber den ehemaligen Klassenkammeraden und seinen Glauben.
Vor dem Hintergrund, dass nur noch wenige Zeitzeugen vor den Verbrechen des Nationalsozialismus warnen könnten, gab Sally Perel schließlich noch allen Schülern den Auftrag, nun selbst als Zeitzeugen ihren Kindern und Kindeskindern zu berichten, bevor sich Schüler und Lehrer mit stehenden Ovationen bei ihm für diese außergewöhnliche Geschichtsstunde bedankten.
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Anbei finden sich einzelne Schülermeinungen:
Joe Anderson, Q1:
“Ich war zu Beginn überrascht, dass Sally Perel sich als Geschichtslehrer vorstellte. Sollte dies wieder einmal eine "alltägliche" Geschichtsstunde werden? Dieser Gedanke bestätigte sich nicht.
Sally Perel füllte seine Erzählungen mit Leben, sodass wir die Gefühle und Erlebnisse von damals viel besser nachvollziehen konnten. Er sprach aus tiefstem Herzen und berührte so die Unseren. Ihm gelang es, die Geschichte in unsere Gegenwart zu holen und somit für uns befragbar zu machen. Viele Schüler nutzten diese einzigartige Gelegenheit und stellten persönliche Fragen. Dabei wurde klar, dass es nicht um ein stumpfes Übernehmen der Sichtweisen oder gar ein tiefes Betroffensein ging, sondern uns Herr Perel dazu verhalf, unsere eigenen Positionen und Werte zu überprüfen. Besonders seine Intention, uns zu neuen Zeitzeugen seiner Geschichte zu machen, hat mich sehr bewegt.
Letzten Endes kann ich sagen, dass Sally Perel mit dem zu Anfang erwähnten Zitat "Zeitzeugen sind die besten Geschichtslehrer" völlig recht hat. Diese Begegnung werde ich immer in Erinnerung behalten und hoffe, dass Herr Perel noch vielen Schülern Zeitzeuge sein kann."
 

Christine Walter, Q1:

Für mich war der Vortrag von Sally Perel sehr bewegend. Nicht nur, dass wir Zuhörer mehr Details aus Hitler-Deutschland und der damaligen Gesellschaft bekommen haben, wir erfuhren auch wie es möglich war, dass ein Jude mitten in Deutschland überlebte. Faszinierend war vor allem, dass Sally so selbstverständlich und auch beinahe nüchtern über diese Zeit redete und dennoch heute so aufgeschlossen gegenüber Deutschland sein kann. Als nach dem Vortrag auch persönlichere Fragen gestellt wurden, merkte man allerdings, dass ihn seine Geschichte und besonders die seiner Familie bis heute stark beschäftigt und tief berührt. Ich kann mir vorstellen, dass die Zeit während des Kriegs, aber auch danach sehr schwierig für ihn gewesen sein muss, sodass es erstaunlich ist, dass er heutzutage noch Lesetouren durch ganz Deutschland macht.

Ich empfehle es jedem Schüler, sich solch einen Vortrag eines Zeitzeugen einmal anzuhören, solang dies noch möglich ist. Es mag zwar bewegend und auch traurig sein, doch kann man aus den Erfahrungen der Zeitzeugen weitaus mehr lernen, als man vielleicht denkt. Natürlich wissen wir Schüler vieles aus der Zeit des Nationalsozialismus und über den Holocaust, doch es ist etwas ganz anderes darüber von einem Zeitzeugen zu erfahren, anstatt es in einem Geschichtsbuch zu lesen. Man bekommt einen viel persönlicheren Einblick in die damalige Zeit und kann sich dadurch ein etwas besseres Bild von der Zeit machen.